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Gestalten statt spalten!

Thema Gewerkschaftspolitik

Gestalten statt spalten!

Christopher Szymula ver.di Jugend Christopher Szymula

Christopher ist 27 Jahre alt und Landesvorsitzender der ver.di Jugend Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Über seine Ausbildung bei den Leipziger Verkehrsbetrieben ist er zu ver.di gekommen. Wir haben ihn interviewt.

Christopher, was hat dich von der Gewerkschaft überzeugt?

Das ist schwierig zu sagen, denn es gibt nicht das eine einschneidende Erlebnis. Ich komme nicht aus einer Gewerkschafterfamilie oder so. Ich habe die Gewerkschaft erst zum Ausbildungsstart kennengelernt, als sie uns in den Einführungswochen unsere Rechte und Pflichten erklärt haben. Da hab ich auch das erste Mal von einem Tarifvertrag gehört. Und kurze Zeit später musste eine neue Jugend- und Auszubildendenvertretung gewählt werden. Da habe ich mich eben mit aufstellen lassen. Ich wurde dann JAV-Vorsitzender und von da war es nur ein kleiner Schritt in die Gewerkschaft, denn die unterstützen dich ja sozusagen als einzige bei dieser großen Aufgabe.

Heute bist du Landesvorsitzender der ver.di Jugend SAT, dazwischen liegen schon ein paar Schritte oder? Wo siehst du aus deiner Position heraus politische Herausforderungen so kurz vor drei Landtagswahlen im Osten?

Haha, ja, aber das hat sich so entwickelt, weil ich mich für die Arbeit interessiert und deswegen engagiert habe. Und mit „dem Osten“, ich finde das schwierig immer über diese Himmelsrichtungen zu reden. Wir haben hier eine Region mit relativ schwacher Wirtschaftsentwicklung und die im Vergleich dünn besiedelt ist. Aber das gibt es auch woanders. Ich glaube, wichtig ist hier die fehlende Erfahrung von Demokratie. Ich erlebe das viel bei älteren Kollegen, die sagen: Das ändert doch eh nichts. Aber das sehe ich auch nicht nur hier. Das Grundverständnis von Demokratie ist heute generell verschoben.

Die Leute glauben, Demokratie funktioniert ohne ihr Mitwirken – und das ist falsch.

Christopher Szymula

Wie genau meinst du das?

Die Leute glauben, Demokratie funktioniert ohne ihr Mitwirken – und das ist falsch. Ich mein damit nicht das Kreuz alle vier Jahre, sondern dass man sich einbringen muss, um etwas zu verändern. So ist das auch bei der Gewerkschaft. Viele denken: Ich bin Gewerkschaftsmitglied und deswegen habe ich ein Recht auf einen Tarifvertrag und Rechtsschutz. Das Verständnis gleicht eher dem einer Versicherung. Dabei geht es in der Gewerkschaft um Mitbestimmung. Die Gewerkschaft ist ein politischer Rahmen, in den sich alle einbringen können, um etwas im Betrieb, aber auch gesellschaftspolitisch zu verändern. Es braucht mehr aktive Beteiligung für eine Demokratie, das gilt für den Betrieb wie auch für das Parlament.

Aber was bedeutet das für die Arbeit der ver.di Jugend?

Wir sind da als ver.di Jugend auf zwei Ebenen aktiv. Beteiligung krankt ja nicht nur an den Themen, sondern auch daran, dass die Strukturen lebensfremd sind. Also zum Beispiel sind bei Gewerkschaften viele Sitzungen unter der Woche von 10-12 Uhr. Und wie will ich als junger Mensch da teilnehmen? Dafür muss ich für vier Jahre in ein Amt gewählt werden. Aber vielleicht will ich nur ein Projekt bewegen. Deswegen sind wir dabei, die Strukturen der ver.di Jugend umzubauen. Wir wollen jungen Menschen ermöglichen, sich projektbezogen zu engagieren. Und das hat natürlich Einfluss auf die zweite Ebene, das sind die klassischen Gewerkschaftsthemen wie Arbeitszeit und Ausbildungsqualität.

Und seid ihr schon erfolgreich?

Auf welcher Ebene jetzt (lacht)? Bei unserer klassischen Gewerkschaftsarbeit haben wir in den letzten Jahren tolle Erfolge erzielt. Zum Beispiel haben durch unsere „Unbezahlt“-Kampagne viele Auszubildende im Gesundheitsbereich erstmals überhaupt eine Vergütung bekommen. Aber da würde ich eher sagen, das ist auch unsere Aufgabe als Gewerkschaft. Das ist kein Erfolg im klassischen Sinne, sondern erfüllte Erwartungen an gewerkschaftliches Handeln.

Beim Umbau der Strukturen haben wir tolle neue Beteiligungskonzepte gefunden, die auch wirken. Wir haben heute die offenen Aktiventreffen. Da kommen 40 Leute und die Debatte ist auch eine andere als vorher. Das ist toll und was ich auch für einen wirklich einen guten Erfolg halte, war vor der Bundestagswahl. Da haben wir die Parteijugenden, also Grüne Jugend, Jusos, Junge Union etc. zu Diskussionsnachmittagen eingeladen. Wir haben das den jugendpolitischen Dialog genannt. An diesen Nachmittagen sind wir mit den Jugendorganisationen über unsere Forderungen ins Gespräch gekommen. Wir haben geschaut, wer unsere Verbündeten bei welchen Thema sind. Das war toll. Da konnte jeder hinkommen und mitdiskutieren. Hier würde ich sagen: Erwartungen übertroffen!

Meine Erfahrung ist: Wenn Menschen aktiv werden, dann fangen sie auch an zu verstehen, dass nicht die Geflüchteten das Problem sind (wie die AfD behauptet), sondern ihre Arbeitgeber.

Christopher Szymula

Klingt gut. Ihr sagt der Politikverdrossenheit also den Kampf an?

Eine Erkenntnis, die ich mir hart erarbeitet habe: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Ich kann nicht darauf warten, dass es irgendjemand für mich richtet, sondern ich muss selber aktiv werden. Und meine Erfahrung ist: Wenn Menschen aktiv werden, dann fangen sie auch an zu verstehen, dass nicht, wie die AfD behauptet, Geflüchtete oder andere Minderheiten das Problem sind, sondern ihre Arbeitgeber. Und sie verstehen, dass es gute Beschäftigtengesetze braucht und einen ordentlichen Tarifvertrag. Das befreit sie aus ihrer Ohnmacht.

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