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Zeit für ein Ehrenamt

Gewerkschaft

Zeit für ein Ehrenamt

Über die Vereinbarkeit von Arbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit
Hände halten sich fest Anemone123, pixabay.com Zusammenhalt wird hier groß geschrieben.

Zwar sind die tatsächlichen Arbeitszeiten von Erwerbstätigen in Deutschland im Durchschnitt gesunken, doch der Leistungsdruck in der Gesellschaft steigt kontinuierlich.

Ständige Vernetzung, mobiles Internet und Arbeiten von unterwegs führen dazu, dass immer mehr Erwerbstätige nie wirklich Feierabend machen – obwohl sie ihren Arbeitsplatz verlassen. Dadurch gerät auch die Zivilgesellschaft unter Druck, denn sie basiert zu einem großen Teil auf dem ehrenamtlichen Engagement in Verbänden, Vereinen, politischen Initiativen und Parteien.

Der Forschungsverbund der Technischen Uni Dortmund und des Deutschen Jugendinstituts ermittelte in der Studie "Keine Zeit für Jugendarbeit?!" alarmierende Ergebnisse zur zeitlichen Belastung von Kindern und Jugendlichen. Danach erhöhte sich diese Belastung deutlich durch Umstellung der Ganztagsschule, Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von neun auf acht Jahre sowie durch Einführung des Bachelor- und Mastersystems an Hochschulen. Bereits Grundschulkinder sind bis in den Nachmittag mit der Schule beschäftigt und Teenager müssen häufig bis in die späten Abendstunden an ihren Hausaufgaben sitzen.

Spätestens mit den nahenden Schulabschlussprüfungen ziehen sich viele junge und engagierte Menschen aus ihrem Ehrenamt zurück. Nicht aus Mangel an Interesse, sondern weil ihnen wegen der Prüfungen die Zeit fehlt oder sie für einen Ausbildungs- oder Studienplatz den Wohnort wechseln.

Leider sinkt das freiwillige Engagement mit zunehmendem Alter. Bei den 13- bis 15-jährigen sind 82 Prozent in mindestens einem Verein aktiv, während es bei den 30- bis 32-jährigen nur noch 69 Prozent sind (Quelle: Studie "Aufwachsen in Deutschland", 2012). Auch die Jugendverbände teilen diese Erfahrung: Es ist immer schwieriger, junge Menschen langfristig für persönliches Engagement zu gewinnen.

Ehrenamt im Studium
Die Entwicklung zum verschulten Studium bedeutet nicht nur für Studierende ein größeres Lernpensum, sondern stellt auch die Organisation von Jugendarbeit vor neue Herausforderungen.

Bisher nutzten junge Menschen die zeitlichen Freiheiten des Studiums häufig für ein ehrenamtliches Engagement. Doch mittlerweile haben Jugendverbände oft das Problem, dass ihre engagierten Studierenden die Betreuung von Jugendgruppen oder Freizeiten in den Sommerferien nicht fest zu sagen oder vorsichtshalber gleich absagen, da der Arbeitsumfang ihres Studiums es nicht erlaubt.

Klausuren und Prüfungen ziehen sich komplett durch die vorlesungsfreie Zeit: Ein Hauptproblem Studierender ist daher die Vereinbarkeit ihres Ehrenamts mit ihren Pflichten für die Uni. Eine konkrete Hilfe für engagierte Studierende sowie Jugendverbände und -organisationen könnte eine Art Ferienschutz in der vorlesungsfreien Zeit sein. Dieser würde für jedes Bundesland eine zeitliche Schnittmenge der Sommerferien und der vorlesungsfreien Zeit bedeuten, in der keine verpflichtenden Lehrveranstaltungen besucht oder Leistungsnachweise erbracht werden müssen.

Damit Studium und Ehrenamtlichkeit vereinbar sind, ist es außerdem dringend notwendig, ehrenamtliches Engagement als Weiterförderungsgrund in der Studienförderung (BaföG) anzuerkennen. Bereits heute gibt es per Gesetz finanzielle Unterstützung von engagierten Studierenden in Hochschulgremien und Gremien der studentischen Selbstverwaltung – auch über die Regelstudienzeit hinaus. Diese Regelung muss auch für Engagierte in Jugendverbänden und Besitzer_innen einer JuLeiCa gelten!

Ehrenamt im Beruf
Einerseits begrüßen Personalabteilungen die sozialen Kompetenzen ehrenamtlich engagierter Berufseinsteiger_innen. Andererseits sind es besonders Arbeitgeber- und Unternehmensverbände, die den Zeitdruck im Jugendalter forcieren. Genau sie predigten vor der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem, dass deutsche Schul- und Hochschulabsolventen im internationalen Vergleich zu alt seien.

Bereits 1990 appellierte die Bundesvereinigung der Arbeitgeber in einem Brief an die Kultusminister der Länder, die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zu verkürzen. Die "überlangen Bildungszeiten" müssten gestoppt werden, denn "mit durchschnittlich fast 29 Jahren beim Hochschulabschluss ist die Gleichheit der Wettbewerbschancen bundesdeutscher Bewerber_innen auf dem europäischen Arbeitsmarkt nicht mehr gewährleistet".

Die Politik hat diese Forderung in die Tat umgesetzt. Daher zeichnen heute den oder die perfekte Berufseinsteiger_in aus:

  • Studium in In- und Ausland
  • Fremdsprachenkenntnisse
  • Berufserfahrung
  • in der persönlichen Karriere zielstrebig
  • zu selbstloser Teamwork bereit

Diese Anforderungen an junge Menschen sind angesichts der Forderung nach Effektivität während der Schul- und Ausbildungs- bzw. Studienzeit schwer erfüllbar. Daher dürfen Lebensläufe nicht auf deren Verwertbarkeit im Erwerbsleben reduziert werden.

Es gilt, den persönlichen Weg und den Beitrag zur Gesellschaft anzuerkennen. Das geschieht durch die Anerkennung der gesellschaftlichen Dimension und durch Stärkung des ehrenamtlichen Engagements – hier ist die Politik gefragt.

Um jungen Beschäftigten ehrenamtliches Engagement zu ermöglichen und es nachhaltig zu stärken, ist neben dem Rechtsanspruch auf Freistellung bzw. Sonderurlaub für ein Ehrenamt auch ein gesetzlicher Anspruch auf Gehaltsfortzahlung notwendig.

Ehrenamt in der Phase der Familiengründung
Jugendverbände und -organisationen in Deutschland haben beobachtet, dass besonders junge engagierte Frauen mit der Geburt des ersten Kindes ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten häufiger ruhen lassen oder aufgeben als junge, engagierte Männer. Das Jonglieren mit Familienzeit, Berufstätigkeit und Ehrenamt ist eine Herkulesaufgabe, die vor dem Hintergrund des persönlichen Netzwerks und je nach Art der Kinderbetreuung individuell gelöst wird.

Studien haben gezeigt, dass Teilzeitarbeit für Frauen scheinbar die einzige Voraussetzung ist, ihr ehrenamtliches Engagement auch nach der Geburt ihres Kindes fortzuführen. Das bedeutet jedoch eine stärkere Abhängigkeit vom Partner(-einkommen).

Um Frauen auch nach der Geburt eines Kindes die Möglichkeit eines ehrenamtlichen Engagements zu geben, müssen die Partner eine stärkere Gleichverteilung der Sorge-, Haus- und Erwerbsarbeit regeln. Wenn sich das betroffene Elternteil ehrenamtlich engagiert, wäre ein zwei Monate längerer Elterngeldbezug sinnvoll, um das ehrenamtliche Engagement auch in dieser Lebensphase zu fördern.

Jugendarbeit trägt zur Demokratisierung bei
Fehlt gerade jungen Menschen immer mehr die Zeit, sich zu engagieren, bedeutet das langfristig auch für die Akteure der Zivilgesellschaft wie z. B. Gewerkschaften eine Einbuße an gesellschaftlichem Gewicht. Dabei sollen besonders Jugendverbände daran mitwirken, dass Kinder und Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen – und damit zu mündigen demokratischen Bürger_innen werden.

So trägt die Jugendarbeit – durch Mitbestimmung und Verantwortung sowie Freiräume zur Persönlichkeitsentwicklung – in erheblichem Maße zur Demokratisierung der Gesellschaft bei. Ehrenamtlichkeit wirkt in jungen Jahren besonders nachhaltig, wie die wissenschaftliche Studie "Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement" von 2008 ergab: Über die Hälfte der in der Jugendzeit Engagierten (52,2 Prozent) betätigen sich auch im Erwachsenenalter freiwillig weiter.